Theaterarchitektur " Ein geschichtlicher Abriss

Die "Amphitheater" von Moray, Peru um 2500 v. Chr., 60.000 Plätze
Mies van der Rohe Haus Aachen e.V. - Amphitheater

Betrachtet man die Urformen dessen, was wir heute unter einem "Theater” verstehen, so gelangt man ins Jahr 2500 v. Chr. Schon damals gab es in Moray in Peru Amphitheater, die sogenannten "Erdtheater", die unter freiem Himmel bis zu 60.000 Zuschauern Platz boten, wenn kultische Riten, Feste oder Wettkämpfe gefeiert wurden. Vom Aufbau ähnelten diese Versammlungsstätten bereits sehr den Theatern der Antike: Sie orientierten sich an den Gegebenheiten der Natur, nutzten Steigungen im Gelände für die Tribünen, und bildeten einen mehr oder weniger runden Aufführungsraum unter freiem Himmel.

 

Dionysos-Theater in Athen, 6./4. Jh. V. Chr. 17.000 Plätze
Mies van der Rohe-Haus Aachen e.V. - Dionysos-Theater

Im griechischen Theater der Antike entwickelten sich dann die Bestandteile eines Theaters, deren Begriffe uns auch heute noch bekannt vorkommen: Der Zuschauerraum mit Sitzstufen (theatron, koilon), die Spielfläche (orchestra) für Chöre und Tänze, die Bühne (proscenium) und das Bühnengebäude (skene), in dem sich die Schauspieler umziehen oder Requisiten lagern konnten. Auch wenn die ursprüngliche Gestalt des Theaters schlicht war, so war sie doch nicht minder eindrucksvoll, was auch an den großen Zuschauermassen lag, die diese Theater aufnehmen konnten (um die 15.000). Man sollte allerdings  beachten, dass es sich bei diesen Strukturen nie um ausschließliche Theaterräume handelte, sondern dass sie auch für andere Veranstaltungen, z.B. religiöse Riten, verwendet wurden. Die besondere Architektur ermöglichte es, dass jeder sehen und hören konnte. Zwei wichtige Amphitheater waren das Dionysostheater in Athen (600/400 v.Chr.) und das Theater in Epidauros (400/300 v.Chr.).

 

William Shakespeares Globe Theatre in London, 1599, bis zu 3000 Zuschauer
Mies van der Rohe-Haus Aachen e.V. - Globe Theatre

Es folgte eine Zeit, in der keine nennenswerten Entwicklungen im Bereich der Theaterarchitektur stattfanden. Im Mittelalter gab es gar einen Einbruch für das Theater, da es als "Teufelszeug" verschrien wurde. Als es schließlich durch das Passionsspiel und später durch das Hoftheater erneut an Beliebtheit gewann, geschah dies zunächst ohne permanente Theaterstätten, da Schauspieler in Wandergruppen über das Land zogen und auf temporären Bühnen spielten. In der elisabethanischen Zeit soll sich dann aus der Gewohnheit, auch in Innenhöfen von Wirtshäusern zu spielen, die Struktur von Shakespeares Globe Theatre entwickelt haben: Die Bühne ist umgeben von einem Innenhof, in dem das niedere Volk stehend die Aufführungen verfolgte, während die höheren Stände in Balkonen rundherum saßen. Dieses frühe Beispiel eines Raumtheaters fand noch immer unter freiem Himmel statt.

 

Joseph Furttenbach: Projekt für eine fürstliche Hofhaltung, 1655
Mies van der Rohe-Haus Aachen e.V. - Fürstliche Hofhaltung

Mit der einsetzenden Institutionalisierung des Theaters im 17.Jahrhundert wurden immer mehr Theater gebaut. Zudem führte der Wandel vom Renaissancetheater zum Barocktheater zur Entwicklung der Guckkastenbühne. Die Zuschauer wurden je nach Rang auf die verschiedenen Logen und Balkone verteilt. Schon damals gab es drehbare Bühnenelemente (Telari), um Kulissen schnellstmöglich ändern zu können. Bis zur Einführung der Drehbühne, um ganze Szenenwechsel auf der Bühne zu ermöglichen, würde es aber noch bis Ende des 19.Jahrhunderts dauern. Stattdessen wurde teilweise überlegt, die Zuschauer zu drehen und sie so verschiedene Bühnen angucken zu lassen, wie z.B. im Entwurf von Joseph Futtenbach von 1655.

 

Oskar Strnad: Projekt für ein Schauspielhaus, 1918/1920, 3600 Plätze
Mies van der Rohe-Haus Aachen e.V. - Projekt für ein Schauspielhaus

Anfang des 19.Jahrhunderts forderte dann der Theaterreformer Georg Fuchs, dass die barocken Logenränge und mit ihnen die strikte Trennung von Zuschauern und Darstellern abgeschafft werden sollte. Er wollte zurück zur Grundstruktur des antiken Theaters mit seinen gleichmäßig ansteigenden Sitzreihen. Als Verdeutlichung von Fuchs’ Ideen schuf Max Littmann 1908 das temporäre Münchner Künstlertheater.
Der Anfang des 20.Jahrhunderts brachte neben dieser Idee eine wahre Flut an anderen, neuen Entwürfen für revolutionäre Theaterbauten. Der Theaterregisseur Max Reinhardt forderte ein "demokratisches Volkstheater" für die Massen statt nur die Elite, das ganz neue Zugänge zur Kultur eröffnen sollte. Es folgten mehrere Entwürfe, um folglich Großraum- und Masseninszenierungen möglich zu machen, wobei sich einige merklich an den Amphitheatern der Antike orientierten (z.B. Hermann Dernburgs Entwurf eines "Theater der Zehntausend", 1912 oder Strnads Projekt für ein Schauspielhaus 1918). Zu dieser Entwicklung gehörte auch das Konzept der Raumbühne.

 

Andor Weininger: Projekt für ein Kugeltheater, 1927
Mies van der Rohe-Haus Aachen e.V. - Kugeltheater

Gerade in der Zeit der klassischen Moderne nahmen die Theater dann immer utopischere und visionäre Formen an, so z.B. Friedrich Kieslers "Endless Theatre" (1924/1925) oder Andor Weiningers "Kugeltheater" (1927). Vermehrt wurde versucht, die Theaterräume flexibel und wandelbar zu gestalten, um sie für verschiedenste Inszenierungen nutzen zu können. In diesem Zusammenhang erlebte auch die Drehbühne einen wahren Boom. Walter Gropius schuf mit seinem Entwurf eines "Totaltheaters" (1927) einen teilweise beweglichen Zuschauer- und Bühnenbereich, der dadurch es sogar während der Aufführung ermöglichte, z.B. eine Proszeniumsbühne in eine Arenabühne umzuwandeln. So konnten die Zuschauer noch aktiver ins Geschehen einbezogen werden.

 

 

 

Begriffserklärungen  

 

Theatron
In der griechischen Sprache bedeutet Theatron "Raum zum Schauen" und war ursprünglich die technische Bezeichnung für den gleichmäßig ansteigenden Zuschauerbereich des antiken Theaters.

Doch anders als bei der Raumbühne sitzen die Zuschauer nicht mehr allseitig um eine Spielfläche, sondern nur noch im Kreissegment (halbrund oder halboval) um das Spielgeschehen. Der ebene Platz des Chores (Orchestra) ist zudem um eine erhöhte Fläche für die Schauspieler erweitert (Proscenium).

Man kann von der Bildung eines Rückens sprechen, wenn sich hinter dem Spielgeschehen eine Wand entwickelt.
Optimale Sichtbedingungen durch das nicht völlige Umschließen des Bühnenraumes mit Zuschauern, ein ausgeprägter Landschaftsbezug sowie eine sehr gute Akustik des antiken griechischen Theaters waren gemeinschaftsbildend.
Die Römer entwickelten diesen Typus weiter zu einem in sich geschlossenen Theatergebäude, mit im Halbkreis angeordneten Zuschauern und mit einem von der Topographie unabhängigen Erschließungssystem.

"Wo der Gegenstand auf Aufmerksamkeit sich an eine Hand anlehnt, dort wird ein Halbkreis an Schaulustigen entstehen", Gottfried Semper (1849)


Guckkastenbühne
Im Barock setzte sich mit der Guckkastenbühne (auch Barock-, Kulissen- und Illusionsbühne) die bis heute verbreitetste Bühnenform durch.
Zwei Merkmale sind für diese Bühnenform kennzeichnend:
Zunächst war die eigentliche Bühne vom Zuschauerraum durch die Rampe und den Vorhang getrennt.
Zum anderen bewirkten Kulissen, mit denen erstaunliche Effekte möglich wurden, die Verwandlung des an drei Seiten von Wänden abgegrenzten, guckkastenähnlichen Bühnenraums.



Raumbühne
Der Begriff wurde im 20.Jahrhundert von dem Architekten Friedrich Kiesler geprägt und bezieht sich vor allem auf die Bestrebungen von modernen Theatermachern und Architekten. Man beabsichtigte, den Zuschauerraum und den Bühnenraum wieder zu einer baulichen und räumlichen Einheit zusammenführen.
Grundlegende Forderungen dieser Zeit waren von Rängen freie Räume, das Überwinden der gerichteten Guckkastenbühne sowie der barocken Logentheater.
So lauteten die Slogans:"Offene Theaterformen verlangen offene Theaterbauformen: Variabilität statt Monumentalität".
Einraumtheater, Mehrbühnentheater, flexible und variable Gebäude, bewegliche und wandelbare Bühnen- und Zuschauerbereiche, veränderbare Decken- und Bodenbereiche, Studiobühnen, Kugeltheater und Totaltheater wurden als Antworten entworfen und projektiert. Sie wurden jedoch nur in seltenen Fällen gebaut.
"Die Raumbühne schwebt im Raum. Der Zuschauerraum kreist in schleifenförmigen elektro-motorischen Bewegungen um den sphärischen Bühnenraum", Friedrich Kiester (1924)

 

Angelika Kitzka und Birte Wehmeier

Kurs: "Das virtuelle Museum " Mies v.d. Rohe"

WS 2006/2007

 

Alle Fotos entstanden mit freundlicher Genehmigung im Museum Huelsmann in Bielefeld bei der Ausstellung "VORHANG AUF!" vom 03.09.2006 bis 21.01.2007.